Mythen, Kräuterwissen und Volksbrauchtum im Alpenraum

Freisenkette, Fraisenkette

gegen fallsucht und besessenheit
die fraisenkette ist ein interessantes beispiel für die vermischung von magie und christlichem glauben. fraisenkette oder wir sagen mundartlich “froasenkettn”, von mittelhochdeutsch vreise, freis freisa bedeutet so viel wie “not”, “angst”, “schrecken”, bezeichnung für eine aus verschiedenen talisman-anhängern (reliquien, schutzbriefe, samenkörner, wurzeln, steine, münzen, schweinsknochen, tierhaare, wirbelknochen der kreuzotter oder ringelnatter), wie etwa dem * fraisenstein, bestehende kette, die noch im 19. jh. kleinen kindern umgehängt wurde, um sie vor den “fraisen” zu bewahren, womit krämpfe oder epileptische zuckungen gemeint waren. sie können aus verschiedenen ursachen auftreten und unbehandelt mitunter auch zum tod führen. diese anscheinend ohne ursache auftreten der freisen legte die ansicht nahe, dass die krankheit angezeubert worden sei. man versuchte die krankheit zu verhindern, indem man dem kind eine sogenannte freisenhaube, meist mit abbildung der muttergottes oder von heiligen aufsetzte. freisenketten und rosenkränze wurden um den hals gelegt. sie wurden auch zum schutz an die wiege des kindes gehängt.

3D   die kette als ganzes diente somit magischen zwecken, sie war ein heil- und abwehrmittel gegen angezeubterte krankheiten und ist folglich nicht mehr der christlichen religion, sondern dem volksglauben zuzuordnen. ketten dieser art waren “gut” gegen die frais, ein sammelbegriff für krankheiten, die mit besessenheit in zusammenhang gebracht wurden. der begriff frais steht für krankhafte zustände konvulsivischer art wie krämpfe, panischer schrecken und epileptische anfälle. aus dieser allgemeinen bedeutung hat sich eine eigene krankheitsbezeichnung gebildet, die unter dem begriff frais nahezu alle furcht und schrecken erregenden wut- und zornanfälle zusammenfasst, wie sie besonders bei epileptikern charakteristisch sind. ein auffälliges merkmal schwerer epileptischer anfälle ist das torkeln und plötzliche hinfallen des patienten, wobei sich sein gesicht verkrampft und aus dem mund schaum austritt. aus diesem krankheitssymptom entwickelte sich in der umgangssprache der name fallscuht, der ein synonym für epilepsie ist. unter dieser bezeichnung wird gelegentlich auber auch der schlaganfall verstanden, der ebenfalls plötzliches hinfallen bewirkt. wie bei vielen anderen unerklärlich auftretenden krankheiten, der gelbsucht und der schwindsucht zum beispiel, wird auch heir von “sucht” gesprochen, ein begriff der wie bei der gsüchti auch das leiden selbst bezeichnen kann.

neben der in mittelalterlichen quellen gebräuchlichen lateinischen bezeichnung morbus caducus stehen schon früh entsprechende ausdrücke wie daz fallende übel, fallendes weh, schedelnde gottestraf, böse kranckheit oder böses wesen. über das krankheitsbild und das volksmedizinische umfeld der fallsucht heisst es in einer 775 in mannheim gedruckten anleitung für den gemeinen mann: “in dem anfalle selber sind sehr wenige mittel zu versuchen. man kann einen anfall vom bösen wesen durch nichts verkürzen, auch nicht einmal vermindern. folglich muss man nichts vornehmen, um so viel weniger, dass die mittel oft das uebel verschlimmern. man muss nur für die sicherheit des kranken sorgen, und verhindern, dass er sich keine heftige stösse gebe. es ist auch dienlich, dass man, wenn es möglich ist, eine kleine rolle leinwand zwischen die zähne lege, wodurch man verhindert, dass die zunge nicht in einer heftigen zuckung gefährlich verletzt werde.

der einzige fall, welcher einige beyhlfe erfordert ist, wenn der anfall so heftig schein, der hals so geschwollen, und das gesicht so roth sit, dass man einen schlagfluss befürchten muss, welchem man druch einen aderlass am arm, von acht bis zehn unzen vorbauet.

da diese fürchterliche krankheit auf dem lande häufig ist, so erweiset man den unglücklichen schlachtopfern, derselbigen einen wesentlichen dienst, wenn man sie erinnert, wie gefährlich es für sie se, allen mitteln, die man ihnen räth, blindlings zu folgen. wenn irgends eine krankheit ist, die eine vorsichtige behandlung erfordert, so ist es diese. es gibebt einige gattungen derselben, die unheilbar sind, auch die heilbaren fordern alle sorgfalt der geschicktesten ärzte.folgich sind diejenigen, welche alle, die mit epilepsien (anfällen vom bösen wesen) behaftet sind, mit einem und demselben mittel curieren wollen, unwissende oder betrüger, oft beydes zugleich” tissot s. a.d. anleitung für den gemeinen mann, in absicht auf seine gesundheit, oder gemeinnütziges und bewährtes haus=arzeney=buch.mannheim 1775, s. 525   3D

als ursache sah man, wie es in tissots bericht in sprachlicher hinsicht zu erkennen ist, das wirken bösartiger dämonen, die den menschen anfallen, in ihn hineinschlüpfen oder ihn, wie bei der fallsucht, plötzlich niederschlagen. in einer handschrift des 17. jahrhunders, die zu einem rezept “vor die fallend sucht” die krankheit erläutert, wird der epileptiker “als besessen mit dem bösen geist” beschrieben (franz, adolph: die kirchlichen benediktionen im mittelalter bd.2, freiburg i. br. 1909, s.544.

derartige vorstellungen haben sich bis ins 20. jahrhundert erhalten und selbst in der gegenwart werden fallsucht und wahnsinn gelegentlich mit besessenheit gleichgestellt. damit ist gesagt, dass krankheiten im glauben des volkes das werk schiessender, schlagender oder aufhockender dämonen und hexen sind. in der umgagnssparache ist diese auffassung noch gegenwärtig, wenn etwa von “hexenschuss” oder “schlaganfall” die rede ist. ebenso ist in der mündlichen überlieferung die vorstellung von krankheitsdämonen lebendig geblieben, die den menschen plötzlich anfallen und sich seiner bemächtigen. als beispiel eines auf das wirken von dämonen urückgeführten (epileptischen?) anfalls sei hier eien geschichte aus ruswil erzählt, die auf ein tatsächlihc geschehenes ereignis zurückgeht. der vorfall spielete sich in der nähe des ehute noch vrohandenen bildstöckleins ab, das an deises ereignis erinnert. es trägt die jahreszahl 1879 und seht an einem zugedeckten mühlekanal, der entlang des alten kirchwegs von ruswil nach schübelberg angelegt war.

“beim erwähnten heilgtum hatte einst ein knecht aus schübelberg eine nachhaltige begegnung mit einem geisterhaften kobold. man sagt nämlich, der mann habe oft geprahlt, er könne jeden zu boden schlagen, der sich ihm in den weg stelle. regelmässig sei er ins dorf gegangen, wo er abends noch etwas wein trank. als es zeit war, sich auf den heimweg zu machen, versicherte er den umsttehenden. “heute kann kommen wer will, un wenn es der teufel ist, ich werde ihn zu überwältigen wissen!” als er beim spitzwäldli in den fussweg einbog, der zur leigenschaft seines meisters führte, stellte sich dem knecht wei aus dem nichts ein männchen in den weg, das sofort anfing mit ihm zu ringen. der mann behilet gegeüber dem kobold dreimal die oberhand und war die seltsame gestalt jedes mal in den mühlebach. der teufel aber wurde immer grösser und stärker. nun war es der knecht, der zweimal nacheinander im kalten wasser landete. und als er zum dritten mal in den bach geworfen wurde, konnte er nicht mehr aufstehen. es wird erzählt, dass man einen kapuziner holen musste, um den mann aus den händen des teufels zu befreien. nach seinem nächtlichen abenteuer habe die ser nie mehr über siene kraft geprahlt”

(kurt lussi: himmel und hölle. willisau 1992, s. 119.)

der charakter ihrer amulette gibt dieser alpenländischen fraiskette ein urtümlich mystisches aussehen.

3D   tatsächlich prägen hauptsächlich tierische amulette ihr bild. dem kind wurden auch zum schutz sogenannte freisbriefe auf die brust gelegt. diese freisbriefe waren meist mit einem gebet bedruckt, daber auch pseudoreligiöse, magische sprüche kann man darauf finden. so heißt es in einem freisbrief aus der steiermark:
“freisbrief, so ein kind oder alter mensch die freis hat.
freisenhaube

im namen des vaters und des sohnes und des hl. geistes, amen. das wollte gott der herr jesu christi heute, dass ich alle 77 freis töten möge. ich töte durch große macht und den hl. namen jesu alle 77 freis, die kalte freis, die fallende freis, die reißende freis, rote freis, abdörrende freis, spritzende, zitternde freis, abbrennende freis, stille freis, schreiende freis, wütende freis, geschwollene freis, gestoßene freis. ich wende dirs (name des erkrankten) durch gott den herrn und seine hl. fünf wunden; ich wende dirs (name des erkrankten) durch sein hl. evangelium. im namen des vaters und des sohnes und des hl. geistes amen.

wenn die krämpfe ausgebrochen waren, gab man dem kleinen patienten als heilmittel eine verbrannte pfauenfeder zum riechen oder machte ihm einen umschlag mit dem saft der hauswurz. in manchen gegenden hielt man das krampfende kind einfach unte den fließenden brunnen. die ladiner in südtirol gaben das hornpulver einer gemse auf ein glühendes eisen und räucherten damit das kind.

fraisenbrief, straßburg, 18. jh. fraisenbrief hier downloaden (732 kb)
der brief nennt einige der 77 fraisenarten und verwendet gelegentlich auch die formel des “wendens” im sinn von abwenden. der schluß gibt nüchtern eine art gebrauchsanweisung, wobei die schicksalsergebenheit - nach ausschöpfen aller möglichkeiten - zum ausdruck kommt: … bis sich thut ändern zum leben oder zum sterben”.

Literatur

 


[1] haus zum dolder stiftung dr. edmund müller schutz und zauber heft 1 1999
[2] dem himmel sei gedankt: otto rostenzer von badern, ärzten irdischen und himmlischen arzneimitteln in alter zeit. isbn 3-475-52088-5
[3] kurt lussi: von geistern zauber und magie im volk 

 

2 Responses to “Freisenkette, Fraisenkette”

  1. Ich glaube es ist gut wenn Sprueche zum Nachdenken anhalten.

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